Zigtausende brave Schwaben demonstrieren mit lautem Gebrüll wie "Lügenpack" gegen ein Milliardenprojekt, das vor kurzem noch breiten Rückhalt in der Bevölkerung hatte. Gleichzeitig hackt die gesamte Elite des Landes auf Thilo Sarrazin rum, und sucht mit fast schon drolliger Verzweiflung einen Grund, den Mann zu schassen.
Ich habe sein Buch nicht gelesen, nur das Exzerpt, das vorab vor ein paar Wochen im Spiegel erschien. Bisher habe ich noch kein einziges Mal eine mit Fakten oder Zitaten untermauerte Behauptung gesehen, gehört oder gelesen, die einen Jobverlust oder einen Parteiausschluss in meinen Augen rechtfertigen würden. Ich finde das ein sehr armseliges Zeugnis für die politische, aber auch für die Diskussions- und Debattenkultur in unserem Land.
Wohlgemerkt: Über die Äußerungen des guten Herrn Sarrazin habe ich in der Vergangenheit mehr als einmal den Kopf geschüttelt. In welcher Rekordzeit ein ganzes Land aber offenbar ein über vierhundert Seiten starkes Buch gelesen, verstanden, und sich dann auch gleich noch eine Meinung gebildet zu haben vorgibt, das erstaunt mich doch.
Ich werde mir das Ding jetzt wohl oder übel mal kaufen und auch lesen müssen. Nach dem Exzerpt im Spiegel hatte ich dazu eigentlich keine Lust gehabt, aber offenbar stehen ja Sachen drin, die man wissen sollte, um sich eine Meinung zu bilden. Bis ich damit fertig bin, ist er vermutlich schon kein Bundesbanker und kein SPD-Mitglied mehr. Warum das gerechtfertigt ist, werde ich bis dahin ja dann bestimmt verstanden haben.
Was Stuttgart 21 angeht, werde ich mir mal Mühe geben, die Argumente der Gegner zu begreifen. Bisher habe ich keine gehört, aber wenn ich lange genug suche, finde ich bestimmt welche, und wer weiß, vielleicht sind die ja auch mit Substanz behaftet. Meine bisherige Meinung: S21 ist so teuer, weil jahrzehntelang viel zu wenig in Schiene und viel zu viel in Straße investiert wurde, daher finde ich das Geld im Grundsatz richtig angelegt. Die Bahnverbindung nach Ulm und München ist, mit Verlaub, eine Katastrophe. Dass da etwas gemacht werden muss, dringend, und leider unter erheblichem Mittelaufwand, halte ich für offensichtlich.